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Canal du Midi und Camargue
Narbonne
Grau-du-Roi
2 Wochen im Mai
Kaum
von den Strapazen der Heimreise erholt, erreicht mich ein Anruf
von Angelika im Büro (Kennen Sie nicht? Werden Sie aber kennen
lernen, sollten Sie sich für einen Hausboot-Trip entscheiden).
"Nach zwei Urlauben mit Hausbooten in Frankreich wäre
es doch an der Zeit, einmal ein wenig darüber zu schreiben",
appellierte sie an meine schriftstellerische Ader, um mich darauf
gleich wieder zu beruhigen im Herbst kommt die nächste
Ausgabe der Hausboot-Zeitung, und immerhin wäre
es ja erst Juli, also Zeit genug, sich etwas einfallen zu lassen.
Ein Erlebnisbericht, entschieden wir, sollte es nicht werden, das
wurde schon einige Male mit Perfektion getan, und die Strecke kennt
der aufmerksame Leser inzwischen auch schon in- und auswendig. Also
wurde der Entschluss gefasst, einige Erfahrungen positive
und hie und da negative zu Papier zu bringen, zur Freude
und zum Nutzen derer, die demnächst mit Hausbooten in
See stechen.
Eine freundliche Crew bemüht sich in Narbonne um den Neuankömmling.
Natürlich möchte jeder der erste sein, der sein
Hausboot übernimmt. Die Hektik vorm und im Büro ist vorprogrammiert,
da gegen 13.30 Uhr Mittagspause-Ende ist, und bis dahin sämtliche
Hobbykapitäne um einen Platz in der pole-position
kämpfen. Die Bürodame und Gattin des Stützpunktleiters
spricht einigermaßen Deutsch und ist Kummer gewöhnt.
Außerdem dauern die Bürostunden bis 18.00 Uhr, Zeit genug
also, die anderen hektisch sein zu lassen und einstweilen in einem
der nahe gelegenen Lokale mit dem französischen Rotwein Bekanntschaft
zu schließen.
Unverbesserlichen Abstinenzlern sei in dieser Zeit der Besuch einer
der wohlsortierten Supermärkte etwas außerhalb der Stadt
empfohlen. Ein Großeinkauf am Beginn der Hausboot-Fahrt erspart
so manche Überraschung in einem Dorf, wo der örtliche
Gemischtwarenhändler gerade an diesem Tag geschlossen hat,
an dem die letzte Flasche Mineralwasser geleert wurde (wir haben
zwei riesige Einkaufswagen mit allen guten Dingen, die Frankreich
zu bieten hat und die vier Personen benötigen, angefüllt
und dafür nicht mehr als 125 Euro bezahlt). Wer gerne Musik
an Bord hat und aus Umweltschutzgründen auf Batterien verzichten
möchte, sollte sich von zu Hause einen 12-Volt-Adapter, Krokodilklemmen
und genug Kabel mitnehmen. Der Mechaniker zeigt einem dann, wo man
den nötigen Saft herbekommt. Wir hatten überhaupt
den Eindruck, dass technisches Verständnis und ein wohlsortierter
Werkzeugkoffer die Männerwelt zusammenschweißt. Näher
möchte ich hier nicht darauf eingehen, denn wenn ein Mechaniker
der Meinung ist, Ihr Verständnis für Hausboote geht über
das Normalmaß hinaus, zeigt er Ihnen schon, was Sie wissen
sollten, wenn er sich eine Servicefahrt ersparen will.
Wenn nicht, Finger weg von allen beweglichen Teilen. Der Schaden
ist allemal größer als der Nutzen durch Hobbybastelei.
Noch einiges zur Bootsausrüstung: Fender haben die Tendenz,
sich bei unpassender Gelegenheit zu entfernen. Der Unterhaltungswert
eines missglückten Bergungsversuches mit anschließendem
Vollbad im Kanal hält sich in Grenzen. Daher ist nach eingehender
Besichtigung dieser Gummidinger ein Besuch im Ersatzteillager (gleich
hinter dem Büro) oft sehr zu empfehlen. Ein freundlicher Herr
ist immer anzutreffen, der neue Taustücke herausgibt, mit denen
man sich dann im Umgang mit Seemannsknoten üben kann, um etwaige
durchgescheuerte Fenderbefestigungen zu erneuern.
Apropos Taue. Zwei Leinen hat das Hausboot, jeweils eine am Bug
und eine am Heck. Eine dritte Leine befindet sich irgendwo in einem
der zahlreichen Stauräume an Bord. Ich kenne da eine heimtückische
Schleuse, und in der geht das dann so vor sich: Ein Crewmitglied
legt die Leine gekonnt über den Poller und steigt zurück
aufs Schiff. Da nach der Schleuse das An-Bord-gehen schlecht möglich
ist, beschließt auch der Rest der Crew, den Schleusungsvorgang
vom Schiff aus zu verfolgen. Das Wasser sinkt - immer mehr - und
dann ist die zuerst kunstvoll um den Poller geworfene Leine zu kurz.
Die Hände werden immer länger, und nun kommt die Entscheidung:
Auslassen, an der Leine krampfhaft festhalten und in der Luft baumeln,
oder ein in der Nähe befindliches Crewmitglied zur Verantwortung
zu ziehen. Ersteres ist nicht empfehlenswert, das Hausboot macht
sich in der Schleuse selbständig. Bei größerem Wasserdruck
kann das recht unangenehme Folgen haben. Die zweite Methode sorgt
ausschließlich für Heiterkeit auf anderen Schiffen. Auch
wohlbeleibte Persönlichkeiten haben gegen ein wildgewordenes
Hausboot keine Chance. Letzteres ist möglich, beeinflusst das
Verhalten des Hausbootes aber nicht im mindesten. Dafür sind
anschließend gröbere Beflegelungen innerhalb der Mannschaft
nicht ausgeschlossen.
Als Resümee empfiehlt es sich daher, besagte dritte Leine aufzustöbern
und mittels mehr oder weniger perfekter Knoten eine Verlängerung
herzustellen.
Natürlich steht dem geplagten Schleusenwart auch eine Mittagspause
zu. Solcherart an der Weiterfahrt gehindert, tut man es ihm am besten
gleich, sollte man vor verschlossenen Schleusentoren stehen. Im
Laufe der Zeit sammeln sich einige Boote an, der Kampf um die besten
Startpositionen beginnt bestens geübt bei der Bootsübernahme.
Der
Erfahrene sieht solchem Treiben gelassen zu, weiß er doch,
alle auf einmal haben sowieso keinen Platz in der Schleuse, und
man befindet sich schließlich im Urlaub und der Schleusenwart
im Dienst. Mit dieser Annahme kann man sich aber auch gewaltig täuschen.
Es gibt nämlich auch Künstler unter den Schleusenbediensteten,
die im Boote-Schlichten wahre Meister sind. Solcherart hinters Licht
geführt, hat man jovial noch das eine oder andere Hausboot
vorbeigewunken in dem Bewusstsein, bei der nächsten Schleusung
dabei zu sein, um bis dahin seinen restlichen Rotwein geleert zu
haben. Mit Schrecken stellt man dann fest, das letzte Boot zu sein,
und dass der Schleusenwärter nicht einmal im Traum daran denkt,
seine Tore wieder zu öffnen, hat er einem ja vorher noch heftig
zugewunken und gewartet, ob man seine Dienste nicht doch noch in
Anspruch nehmen möchte, um sich dann kopfschüttelnd seiner
Tätigkeit zu widmen, dass dann natürlich in absehbarer
Zeit kein Schiff in Sichtweite kommt und man solcherart, mutterseelenallein
dem Schleusenwart hilflos ausgeliefert, nur den Weinbestand weiter
dezimieren kann, versteht sich von selbst.
Und dann gibt es noch diese zwei Anlegepflöcke inklusive Hammer.
Man schlägt sie am Ufer ein, bindet sein Boot daran fest und
sucht eines der kleinen Restaurants in der näheren Umgebung
auf.
Bei der Rückkunft stellt man fest, dass sein Boot weg ist und
macht für diese optische Täuschung den reichlich genossenen
Vin du pays verantwortlich. So ähnlich erging es uns beim ersten
Hausboot-Urlaub.
Wir hatten aber Glück, eine unserer Damen war an Bord geblieben
und bemerkte das herannahende Unheil rechtzeitig. Aber wie kam das?
Die Uferböschungen bestehen aus relativ weichem Erdreich, an
diesem Tag hatte es zu regnen begonnen, was die Festigkeit auch
nicht gerade begünstigte, die Taue waren lässig um die
beiden Pflöcke gelegt, und dann kam eines der seltenen Fracht-
oder Passagierschiffe vorbei. Dieses erzeugt einen mächtigen
Sog am Heck. Diesem Druck waren die beiden Pflöcke in keiner
Weise gewachsen und verabschiedeten sich auf Nimmerwiedersehen in
Richtung Wasser.
Um Ihnen, werte Leser, solches zu ersparen, empfiehlt es sich, mehrere
Pflöcke an Bord zu haben (werden anstandslos im Ersatzteillager
herausgerückt) und diese auch zusätzlich einzuschlagen,
dass dadurch die Belastung pro Pflock geringer wird - natürlich
nur wenn alle Taue gleichmäßig gespannt sind - haben
wir ja seinerzeit im Physikunterricht gelernt.
Es empfiehlt sich auch, an jedem dieser Pflöcke einen einfachen
Knoten anzubringen, so dass er im Ernstfall an jenem hängt
und nicht, siehe oben, verschwindet. Ein Ende des Taues locker am
Boden liegengelassen, um vorbeikommende Fußgänger oder
Radfahrer nicht zu verärgern. Diese dann um einen Strauch oder
Baum geschlungen, nur so als Sicherheit, macht längere Abwesenheiten
vom Boot wesentlich nervenschonender.
Oder wie gefällt Ihnen die Frage eines ansonsten sehr verlässlichen
Crewmitgliedes beim abendlichen Dinner weitab vom Liegeplatz, angesichts
der als Vorspeise gedachten Spaghettis, die frappant an schlampig
aufgerolltes Tauwerk erinnerten: "Sag, hast Du diese komischen
Eisendinger gestern eigentlich sehr tief in den Boden einschlagen
können? Ich komme mit dem unhandlichen Hammer einfach nicht
zurecht." Was solch harmlose Bemerkungen für einen Aufruhr
verursachen können, sollte man nicht für möglich
halten.
Natürlich gibt es in Frankreich auch Nachfahren der Kuenringer,
die ja bekanntlich Raubritter waren. Solche findet man an so manchem
Ort, nur bedienen sie sich wesentlich zeitgemäßerer Methoden,
wie folgende Abhandlung aufzuzeigen versucht, die bei weitem keinen
Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Poilhès zum Beispiel zeichnet sich durch seinen Erfindungsreichtum
aus. Eine Parkuhr, ein Wasserhahn, zehn Francs - und schon fließt
das kostbare Nass für immerhin siebzehn Minuten in den Tank.
Die alte Ausführung von Francs, versteht sich, bei den neuen
Münzen bleibt der Hahn trocken und der Zehner ist natürlich
auch weg. Inzwischen dürften nur noch ein paar unbedarfte Neulinge
oder spendierfreudige Zeitgenossen zur Füllung der Gemeindekasse
beitragen. Der überwiegende Teil bedient sich im rund sechs
Kilometer entfernten Colombiers gratis. In Agde, einer wunderbar
erhaltenen mittelalterlichen Stadt, läßt es sich herrlich
tafeln. Soll die Brieftasche geschont und der Magen durch keinerlei
Mikrowellen-Erwärmtes beleidigt werden wollen, empfiehlt es
sich, die Nähe der Markthalle zu suchen. Rund um sie gruppieren
sich einige einheimische Restaurants, in denen selbst unser Bordfeinspitz
das Handtuch schmiss. Menge und Qualität waren einfach traumhaft.
Wenn man vom Canal du Midi genug gesehen hat und nun endlich ein
wenig offenes Wasser zu Gesicht bekommen möchte, führt
kein Weg am Bassin de Thau vorbei. An trüben Tagen, die erfreulicherweise
sehr selten sind, wähnt man sich am Meer, ein Leuchtturm in
der Nähe von Sète weist den Weg, und ohne Fernglas sieht
man ihn sicher erst dann, wenn man weitab der ungekennzeichneten
Fahrrinne einen Fischer überfahren hat.
Echte Hafenstimmung kommt am Ausgang des Canal du Midi, in Marseillan, auf. Ab diesem Ort tauscht man die
beschauliche Ruhe einer kostenlosen Nacht an den Ufern des Kanals
mit den Segnungen unserer Zivilisation ein, der man ja eigentlich
für einige Wochen entfliehen wollte. Die Schergen des Hafenmeisters
sind freundlich, aber unerbitterlich. Zwischen dem Anlegemanöver
an einem der gut ausgebauten Stege (jeder Liegeplatz verfügt
über Wasseranschluss) und der Aufforderung, sich von 13 Euro,
für eine Nacht versteht sich, zu trennen, verstreichen keine
fünf Minuten. Diese Unart, wehrlosen Bootsfahrern die Kasse
zu plündern, verfolgt uns nun einige Tage.
Wer aber der französischen Sprache einigermaßen mächtig
ist, dem gelingt es von Zeit zu Zeit, auch dem gestrengsten Hafenangestellten
einen Nachlass abzuringen. Da aber alles seine Ordnung haben muss
und am Zahlungsbeleg kein anderer als der offizielle Tarif aufscheinen
darf, geht das ausschließlich nach der Methode: zahle einen
Tag und bleibe zwei.
Eine freundliche Einladung und ein wenig Humor auch wenn
es einmal nicht funktioniert helfen da sehr. Beamte sind
schließlich auch nur Menschen.
Nach einer vierzehntägigen Fahrt, die uns von Narbonne bis
Grau du Roi und retour führte, war es für uns wieder mal
vorbei. Eine unbürokratische Bootsübergabe erleichterte
den Trennungsschmerz und mit der Gewissheit, in der nächsten
Saison wieder in der Haizingergasse*) vorbeizuschauen, überfüllten
wir unseren fahrbaren Untersatz mit all jenen Dingen, die der Zöllner
nicht zu Gesicht bekommen darf, und gaben Gas in Richtung Heimat.
Gerhard Keprda
*) Gemeint ist Hausboot
Böckl;

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